Umsiedlung der Bessarabiendeutschen

Umsiedlung der Bessarabiendeutschen

Imanuel Böpple

wird am 17.08.1882 in Seimeny, Kreis Akkermann, in Bessarabien geboren. Sein Geburtsort liegt 1.500 km entfernt von der Reichshauptstadt Berlin. Und dennoch werden die Folgen der nationalsozialistischen Machtüber-nahme von 1933 und die diktatorische Gewaltherrschaft auch ihn und seine Familie in der Ferne treffen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges erreichen Imanuel Böpple und seine Familie Essenrode.

Else Göres

wird am 7. Mai 1923 in Parapara, Kreis Ismail, Bessarabien als Else Dayss geboren. Else und ihre Familie ereilt ebenfalls das Schicksal der Umsiedlung und später der Flucht. Elses Eltern sind Wilhlem und Katharina, geborene Gebhardt. Wie Familie Böpple  fliehen auch Else Dayss und ihre Familie. Ihre Flucht endet im März 1945 ebenfalls in Essenrode. 

Wo liegt Bessarabien?

Bessarabien in Europa; https://de.wikipedia.org/wiki/Bessarabien
Bessarabien 1940; https://de.wikipedia.org/wiki/Bessarabien

Bessarabien ist eine historische Landschaft in Südosteuropa, begrenzt vom Schwarzen Meer im Süden sowie den Flüssen Pruth im Westen und Dnister/Dnjestr im Osten. Das frühere Bessarabien deckt sich heute weitgehend mit dem westlich des Dnister liegenden Teil der Republik Moldau, nur der Süden (Budschak) sowie der äußerste Norden (um Chotyn) gehören zur Ukraine. Jahrhundertelang war das Land Pufferregion zwischen den Großmächten Österreich, Russland und dem Osmanischen Reich. 1812 trat das Fürstentum Moldau die Herrschaft an Russland ab. Danach war der mehrheitlich von Rumänen bewohnte Landstrich bis 1917 als Gouvernement Bessarabien Teil des russischen Kaiserreichs. 1918 war Bessarabien kurzfristig unabhängig. In der Zwischenkriegszeit war es östliche Provinz Rumäniens und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es der Sowjetunion angeschlossen. Quelle:https://de.wikipedia.org/wiki/Bessarabien; abgerufen 24.02.2020

Wann kamen die Böpples nach Bessarabien?

Deutsche Auswanderer, die der Zar 1813 als Kolonisten ins Land rief, lebten in Bessarabien zwischen 1814 und 1940. Sie lebten als selbstständige Landwirte auf eigener Scholle. In 125-jähriger Siedlungszeit hatten sie die ursprüngliche Zahl von 24 Mutterkolonien auf über 150 bessarabiendeutsche Siedlungen erweitert. Die Zahl von etwa 9.000 eingewanderten Personen hatte sich auf 93.000 Personen mehr als verzehnfacht. Die anfänglich gewährten Privilegien, darunter die Selbstverwaltung durch das Fürsorgekomitee mit Sitz in Odessa, wurden um 1870 mit der Aufhebung des Kolonistenstatus zurückgenommen. Vor allem wegen der Einführung des Militärdienstes wanderten in der Folge viele Kolonisten nach Nord- und Südamerika (mit Schwerpunkten in Nord- und Süd-Dakota, Kanada, Argentinien, Brasilien) aus.

Gottlieb Böpple wird am 10.01.1805 in Kornwestheim in Württemberg geboren. Er folgt dem Aufruf des russischen Zaren und wandert nach Bessarabien aus, wo er als sogenannter Kolonist 1830 die Kolonistin Salome Hettig (*1810 in Augustowo in Polen) heiratet.

Imanuel Böpple ist in erster Ehe verheiratet mit Maria Bachmüller, die im Februar 1914 verstirbt. Aus der Ehe gehen die Kinder Herta und Olga hervor. Herta und Olga wandern später mit ihren Familien in die USA aus.

Imanuel heiratet vier Jahre später Wilhelmine (*1888 in Sofiental, geborene Steffan, verwitwete Daffe). Aus der Ehe gehen die fünf Kinder Berta, Erna, Florentina, Albert und Adeline hervor.

Imanuel Böpple arbeitet im Gegensatz zu vielen Kolonisten nicht als Landwirt auf eigener Scholle, sondern als Schneidermeister im eigenen Betrieb.

Hitler-Stalin-Pakt und die Umsiedlung

Als im Juni 1940 als Folge des Hitler-Stalin-Paktes Bessarabien durch die Sowjetunion besetzt wird, kommt es zur Umsiedlung fast aller dort lebenden „Volksdeutschen“ in das Deutsche Reich. Im September 1940 wird mit der Sowjetunion dazu ein spezieller Umsiedlungsvertrag geschlossen. Organisator dieser Kampagne unter der Devise Heim ins Reich ist das Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi). Nach einem bis zu zweijährigen Aufenthalt in Lagern erhalten die Umsiedler ab 1941/42 Bauernhöfe im besetzten Polen, deren polnische Besitzer von deutschem Militär vertrieben werden. Als 1944 die Rote Armee anrückt, fliehen die Bessarabiendeutschen nach Westen. Unter den bessarabiendeutschen Umsiedlern waren auch die Eltern des späteren deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bessarabien, abgerufen 24.02.2020.

Die entscheidende Textstelle beim Aufruf des deutschen Bevollmächtigten für die Umsiedlung:

Organisiert von der aus dem Reich angereisten Umsiedlungskommission verlassen die Bessarabiendeutschen innerhalb eines Monats in Lastwagen, per Bahn oder Pferdetreck auf vorher festgelegten Routen durch die Grenzorte Galatz, Reni und Kilia ihre Heimat.

"Reichsgau" Wartheland

Imanuel Böpple wird mit seiner Familie nach Posen in das Wartheland umgesiedelt. Böpple, der 1902 als Schneidermeister seine eigene Schneiderei in Mannsburg in Bessarabien gegründet hatte, wird nun Landwirt. In der Gemeinde Preisingen im Kreis Gnesen erhält die Familie einen Bauernhof mit 14 ha Ackerland.

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Einbürgerungsurkunde; Foto: privat

Flucht aus dem Wartheland nach Essenrode

Als im Frühjahr 1945 die Offensive der Roten Armee die deutschen Truppen immer weiter nach Westen zurückdrängt, begibt sich Imauel Böpple mit seiner Familie auf die Flucht in Richtung Westen. Mit Pferd und Wagen und den nötigsten Habseligkeiten machen sie sich auf den Weg. Schließlich finden sie Zuflucht in Essenrode. Ein weiteres Mal baut sich die Familie eine neue Existenz auf.

Imanuels und Wilhelmines Kinder heiraten. Die Tochter Erna heiratet Oskar Dayss, dessen Familien ebenfalls aus Bessarabien über das Wartheland nach Essenrode kommt. Erna und Oskar bekommen vier Kinder, Monika, Norbert, Brigitte und Berndt. Zwei der Kinder leben heute mit ihren Familien in Essenrode.

Else Dayss

wird am 7. Mai 1923 in Parapara, Kreis Ismail, Bessarabien geboren. Else und ihre Familie ereilt ebenfalls das Schicksal der Umsiedlung und später der Flucht. Elses Eltern sind Wilhlem und Katharina, geborene Gebhardt.

Im Gegensatz zu Familie Böpple bleibt Else Dayss der Aufenthalt in einem Lager nicht erspart. Erst nach fast einem Jahr darf sie das Lager verlassen.

Umsiedlungs-Lager

Auch nach März 1941 konzentrierte sich die NS-Politik zunehmend auf die Ansiedlung deutscher Bevölkerung im Wartheland. Hierzu wurde eine Vielzahl von Volksdeutschen aus eroberten Gebieten der Sowjetunion angesiedelt. Ab 1941 wurden die Bessarabiendeutschen, die Bukowinadeutschen und die Dobrudschadeutschen zumeist ins Wartheland umgesiedelt. Diese Umsiedelung verlief oft chaotisch und desorganisiert. Zuvor waren die Umsiedler monate- bis jahrelang in Hunderten von Lagern der Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi) untergebracht. Im Ansiedlungsgebiet nahmen Stellen der deutschen Besatzungsmacht den polnischen Besitzern unter Gewaltandrohung ihre Höfe ab und übertrugen sie den deutschen Ansiedlern.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wartheland; abgerufen 24.02.2020

Else Dayss kommt zunächst in ein Lager in Massersdorf im “Sudetengau”. Dort erhält sie einen Lagerpaß mit der Nr: Sudg. Nr. 53830. Das Lager Massersdorf, in das sie am 19.10.1940 aufgenommen wird, verlässt Else Dayss am 08.08.1941. Im Lagerpaß ist als Zielort Litzmannstadt angegeben. Tatsächlich wird Else am 08.08.1941 aber in ein Lager nach Kalisch in den “Reichsgau” Wartheland verlegt. Das Lager in Kalisch trägt laut Eintragung im Lagerpaß die Nr. 4. Der letzte Stempeleintrag im Lagerpass ist datiert mit 7. Okt. 1941.

Flucht aus dem Wartheland nach Essenrode

Wie Familie Böpple fliehen auch Else Dayss und ihre Familie vor der heranrückenden Roten Armee. Im Januar 1945 zwingt sie die Winteroffensive zur Flucht, die im März 1945 ebenfalls in Essenrode endet. Elses Vater kommt erst vier Monate später in Essenrode an. Zunächst gibt es keine freie Wohnung. Ein halbes Jahr lang muss sich die Familie mit einem Pferdestall als Unterkunft begnügen. Erst dann kann eine Wohnung bezogen werden.

In einer der ersten Trauungen nach dem Ende des Krieges geben sich Else Dayss und Hans Göres, der ebenfalls Essenrode als Flüchtling erreichte, das Jawort. Aus der Ehe gehen die vier Kinder Edeltraud, Eveline, Siegmar und Silvia hervor. Auch sie haben mit ihren Familien in Essenrode gelebt oder tun das noch heute.